Freisprechung

Freisprechung 10.07.2015

Liebe Raumausstatter-,Sattler-, Feintäschner- und Polsterer-Gesellinnen und Gesellen,
 
Unsere Obermeisterin Frau Schön hat mich vor einiger Zeit gefragt, ob ich Ihnen zu Ihrer bestandenen Gesellenprüfung einige Worte mit auf den weiteren Berufsweg geben möchte. Dieser Bitte komme ich natürlich gerne nach, zumal der oder die eine oder andere sicher schon einmal gemerkt hat, dass ich ab und zu auch gerne rede. Aber keine Sorge, ich fasse mich kurz.
 
Als erstes möchte ich natürlich allen zu Ihrer bestandenen Prüfung gratulieren.
Sie haben mit Fleiß und Ausdauer  3 Jahre gelernt und gearbeitet, sich in dieser Zeit theoretisches Wissen in der Berufsschule, praktische Fertigkeiten in Ihren Ausbildungsbetrieben sowie im BTU-Unterricht bei Herrn Klepzinski und bei Herrn Richter angeeignet und  als sicherlich anstrengenden Abschluss eine umfangreiche Prüfung in einem der schönsten, facettenreichsten  und kreativsten Handwerksberufe unserer Zeit absolviert. Dem stimmen sicher auch ihre Eltern, Großeltern, Geschwister, Freundinnen und Freunde zu. Sie haben Ihr Ziel  erreicht, unser Dank  und ich bin mir sicher auch der Ihre,  geht an alle Berufsschul-Lehrerinnen und Lehrer sowie an alle Lehrmeister und an der Ausbildung beteiligten Mitarbeiter in Ihren Betrieben. Wir möchten Sie noch einmal  mit einem verdienten Beifall zur erbrachten Leistung beglückwünschen.
 
Viele  möchte jetzt sicher erst einmal arbeiten um Geld  zu verdienen und sich den einen oder anderen Wunsch, neben dem normalen Lebensunterhalt, zu erfüllen. Dazu haben Sie ja auch unseren schönen Beruf erlernt. Dem nachzugehen  und sich Wünsche und Träume durch eigener Hände Arbeit zu erfüllen macht Stolz und ist schön und richtig. Im Fußball gibt es den Spruch: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel! Wer sich dessen bewusst wird und diese Worte selbstkritisch auf seine handwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten anwendet, wird bald merken dass die Sache mit dem Lernen, ob nun praktisch oder theoretisch noch lange nicht vorbei ist. Ich möchte Sie ermutigen weiter zu lernen, sich in verschiedenen Betrieben umzusehen, sich auszuprobieren um das Beste von allem zu erkennen und sich anzueignen.
 
Es gibt den alten Handwerkerspruch: Mit den Augen darf man stehlen. Das hat mir nicht nur mein Vater, übrigens auch ein  Tapezierer und ihm wiederum dessen Lehrmeister gesagt, sondern schon Generationen von Handwerkern vor uns jeweils ihren Lehrlingen und jungen Gesellen. Ich würde sogar sagen: Mit den Augen müssen Sie stehlen. Und das immer und überall.  Seien Sie anderen, für Sie vielleicht ungewohnten oder auch unbekannten Arbeitstechniken, Ausführungen und Ergebnissen gegenüber nicht ignorant, hinterfragen Sie diese und erweitern Sie dadurch Ihr handwerkliches Repertiore  und Ihre Sichtweisen.
Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit mit Hilfe des Leonardo-Programms über die Handwerkskammer für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen um dort ein Praktikum zu absolvieren. Wir selbst hatten im vorigen Jahr eine junge finnische Polsterin für 2 Monate in unserer Werkstatt, der Sohn eines  Berliner  Raumausstatter-Kollegen war vor einiger Zeit 8 Wochen in England und ich weiß von mindestens zwei der anwesenden jungen Gesellen, eine Zeit im Ausland zu arbeiten. Einer hat wohl die Absicht in die Schweiz zu gehen und der anderen wird eine Stelle in Lyon bei einem renommierten Tapissiér ab dem 1. September für 4 Monate antreten.
Es gibt weiterhin die Möglichkeit 3 Jahre und mindestens einen Tag auf die Walz, also auf die klassische Handwerker-Wanderschaft zu gehen. Sicher nicht jedermanns Sache, aber  auch da hatten wir vor 3 Jahren eine junge Raumausstatter-Gesellin für 4 Wochen in unserer Werkstatt, sogar in Kost und Logis.
 
Und wenn Sie dann nach 3 oder 4 Jahren praktischer Erfahrung in der Beratung von Kunden, in der Planung und der handwerklichen Umsetzung Ihrer Arbeiten immer noch Lust am Lernen haben, besuchen Sie eine Meisterschule. Ob nun für die eigene Selbständigkeit oder für eine bessere Position im Angestelltenverhältnis, der Meistertitel im Handwerk erhöht die Akzeptanz  nicht nur gegenüber dem Kunden sondern auch gegenüber dem Chef und  stärkt sicher auch das eigene Ego.
 
Aber auch hier wäre das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.
 
Wer sich zu gestalterischen Aufgaben berufen fühlt kann eine Ausbildung zum Gestalter im Handwerk durchlaufen.
Wer gerne an historische Raumausstattungen arbeitet oder die traditionellen Arbeitstechniken an antiken Polstermöbeln besser kennenlernen möchte, kann nach der Meisterschule eine Zusatzausbildung zum geprüften Restaurator im Raumausstatterhandwerk absolvieren.
Wer sich gerne mit Zahlen beschäftigt kann sich zum Betriebswirt im Handwerk fortbilden um vielleicht in einem größeren Betrieb die Übersicht über die Finanzen zu behalten. Und wer das 30zigste Lebensjahr überschritten, den Meistertitel in der Tasche und genügend Berufserfahrung gesammelt hat, kann sich zum Sachverständigen weiterbilden und Gutachten über fehlerhaft oder auch richtig ausgeführte Arbeiten schreiben, um zum Beispiel einem Richter entsprechende handwerkliche Sachverhalte im Streitfall zu erklären.
 
Die Bandbreite ist groß und die Möglichkeiten für engagierte junge Raumausstatterinnen und Raumausstatter  sind vielfältig. Nutzen Sie Ihre Jugend, Ihren frischen Geist und Ihre Kraft. Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht im Mittelmaß, finden Sie Ihren eigenen persönlichen Weg und folgen Sie ihm.
 
Und egal ob Sie nun weitere Qualifikationen und Titel erwerben möchten oder einfach nur arbeiten wollen, machen Sie uns die Freude und werden Sie erstklassige Handwerker.  In welcher speziellen Fachrichtung auch immer, halten Sie zusammen, in der Innung, in Fachverbänden, in Ihren Betrieben und vor allem untereinander und bleiben Sie dem Geist unseres Handwerks,  unabhängig ob modern oder traditionell nur in bester Qualität gestalterisch und praktisch zu arbeiten, in Ihrem zukünftigen Arbeitsleben treu.
 
Ihr Raumausstatter-Meister und Restaurator Dirk Busch

Advertisements

Sagen Sie uns Ihre Meinung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: